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Die fromme Helene

Die fromme Helene

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von Wilhelm Busch

Die fromme Helene

 

Erstes Kapitel

Wie der Wind in Trauerweiden

Tönt des frommen Sängers Lied,

Wenn er auf die Lasterfreuden

In den großen Städten sieht.

 

Ach, die sittenlose Presse!

Tut sie nicht in früher Stund

All die sündlichen Exzesse

Schon den Bürgersleuten kund?!

 

Offenbach ist im Thalia,

Hier sind Bälle, da Konzerts.

Annchen, Hannchen und Maria

Hüpft vor Freuden schon das Herz.

 

Kaum trank man die letzte Tasse,

Putzt man schon den ird'schen Leib.

Auf dem Walle, auf der Gasse

Wimmelt man zum Zeitvertreib.

 

Und der Jud mit krummer Ferse,

Krummer Nas' und krummer Hos'

Schlängelt sich zur hohen Börse

Tiefverderbt und seelenlos.

 

Wie sie schauen, wie sie grüßen!

Hier die zierlichen Mosjös,

Dort die Damen mit den süßen

Himmlisch hohen Prachtpopös.

 

Schweigen will ich von Lokalen,

Wo der Böse nächtlich praßt,

Wo im Kreis der Liberalen

Man den Heil'gen Vater haßt.

 

Schweigen will ich von Konzerten,

Wo der Kenner hoch entzückt

Mit dem seelenvoll-verklärten

Opernglase um sich blickt;

 

Wo mit weichem Wogebusen

Man schön warm beisammen sitzt,

Wo der hehre Chor der Musen,

Wo Apollo selber schwitzt.

 

Schweigen will ich vom Theater,

Wie von da, des Abends spät,

Schöne Mutter, alter Vater

Arm in Arm nach Hause geht.

 

Zwar man zeuget viele Kinder,

Doch man denket nichts dabei.

Und die Kinder werden Sünder,

Wenn's den Eltern einerlei.

 

»Komm Helenchen!« sprach der brave

Vormund – »Komm, mein liebes Kind!

Komm aufs Land, wo sanfte Schafe

Und die frommen Lämmer sind.

 

Da ist Onkel, da ist Tante,

Da ist Tugend und Verstand,

Da sind deine Anverwandte!«

 

So kam Lenchen auf das Land.

Die fromme Helene

Zweites Kapitel

 

»Helene!« – sprach der Onkel Nolte –

»Was ich schon immer sagen wollte!

Ich warne dich als Mensch und Christ:

 

Oh, hüte dich vor allem Bösen!

Es macht Pläsier, wenn man es ist,

Es macht Verdruß, wenn man's gewesen!«

 

»Ja leider!« – sprach die milde Tante –

»So ging es vielen, die ich kannte!

Drum soll ein Kind die weisen Lehren

Der alten Leute hochverehren!

Die haben alles hinter sich

Und sind, gottlob! recht tugendlich!

 

Nun gute Nacht! Es ist schon späte!

Und, gutes Lenchen, bete, bete!«

 

 

Helene geht. – Und mit Vergnügen

Sieht sie des Onkels Nachthemd liegen.

 

 

Die Nadel her, so schnell es geht!

Und Hals und Ärmel zugenäht!!

 

 

Darauf begibt sie sich zur Ruh

 

 

Und deckt sich warm und fröhlich zu.

 

 

Bald kommt der Onkel auch herein

Und scheint bereits recht müd zu sein.

Erst nimmt er seine Schlummerprise,

Denn er ist sehr gewöhnt an diese.

 

 

Und nun vertauscht er mit Bedacht

Das Hemd des Tags mit dem der Nacht.

 

 

Doch geht's nicht so, wie er wohl möcht,

Denn die Geschichte will nicht recht.

 

 

»Potztausend, das ist wunderlich!«

Der Onkel Nolte ärgert sich.

Er ärgert sich, doch hilft es nicht.

Ja siehste wohl! Da liegt das Licht!

 

 

Stets größer wird der Ärger nur,

Es fällt die Dose und die Uhr.

 

 

Rack! – stößt er an den Tisch der Nacht,

Was einen großen Lärm gemacht.

 

 

Hier kommt die Tante mit dem Licht. –

Der Onkel hat schon Luft gekriegt.

 

 

»O sündenvolle Kreatur!!

Dich mein ich dort! – Ja, schnarche nur!«

 

Helene denkt: Dies will ich nun

Auch ganz gewiß nicht wieder tun.

Die fromme Helene

Drittes Kapitel

Helenchen wächst und wird gescheit

Und trägt bereits ein langes Kleid. –

»Na, Lene! Hast du's schon vernommen?

Der Vetter Franz ist angekommen.«

So sprach die Tante früh um achte,

Indem sie grade Kaffee machte.

»Und, hörst du, sei fein hübsch manierlich

Und zeige dich nicht ungebührlich,

Und sitz bei Tische nicht so krumm

Und gaffe nicht so viel herum.

Und ganz besonders muß ich bitten:

Das Grüne, was so ausgeschnitten –

Du ziehst mir nicht das Grüne an,

Weil ich's nun mal nicht leiden kann.«

 

 

»Ei!« – denkt Helene – »Schläft er noch?«

Und schaut auch schon durchs Schlüsselloch.

 

 

Der Franz, ermüdet von der Reise,

Liegt tief versteckt im Bettgehäuse.

 

 

»Ah, ja ja jam!« – so gähnt er eben –

»Es wird wohl Zeit, sich zu erheben

 

 

Und sich allmählich zu bequemen,

Die Morgenwäsche vorzunehmen.«

 

 

Zum ersten: ist es mal so schicklich,

 

 

Zum zweiten: ist es sehr erquicklich,

 

 

Zum dritten: ist man sehr bestaubt

 

 

Und viertens: soll man's überhaupt,

 

 

Denn fünftens: ziert es das Gesicht

 

 

Und schließlich: schaden tut's mal nicht!

 

 

Wie fröhlich ist der Wandersmann,

Zieht er das reine Hemd sich an.

 

 

Und neugestärkt und friedlich-heiter

Bekleidet er sich emsig weiter.

 

 

 

Und erntet endlich stillerfreut

Die Früchte seiner Reinlichkeit.

 

 

Jetzt steckt der Franz die Pfeife an,

Helene eilt, so schnell sie kann.

 

 

Plemm!! – stößt sie an die alte Brause,

Die oben steht im Treppenhause.

 

 

Sie kommt auf Hannchen hergerollt,

Die Franzens Stiefel holen wollt.

 

 

Die Lene rutscht, es rutscht die Hanne;

Die Tante trägt die Kaffeekanne.

 

 

Da geht es klirr! und klipp! und klapp!

Und auch der Onkel kriegt was ab.

Die fromme Helene

Viertes Kapitel

 

 

Der Franz, ein Schüler hochgelehrt,

Macht sich gar bald beliebt und wert.

 

So hat er einstens in der Nacht

Beifolgendes Gedicht gemacht:

 

Als ich so von ungefähr

Durch den Wald spazierte,

Kam ein bunter Vogel, der

Pfiff und quinquilierte.

 

Was der bunte Vogel pfiff,

Fühle und begreif' ich:

Liebe ist der Inbegriff,

Auf das andre pfeif' ich.

 

Er schenkt's Helenen, die darob

Gar hocherfreut und voller Lob.

 

Und Franz war wirklich angenehm,

Teils dieserhalb, teils außerdem.

 

Wenn in der Küche oder Kammer

Ein Nagel fehlt – Franz holt den Hammer!

 

Wenn man den Kellerraum betritt,

Wo's öd und dunkel – Franz geht mit!

 

Wenn man nach dem Gemüse sah

In Feld und Garten – Franz ist da! –

 

 

Oft ist z.B. an den Stangen

Die Bohne schwierig zu erlangen.

 

Franz aber faßt die Leiter an,

Daß Lenchen ja nicht fallen kann.

 

 

Und ist sie dann da oben fertig –

Franz ist zur Hilfe gegenwärtig.

 

Kurzum! Es sei nun, was es sei –

Der Vetter Franz ist gern dabei.

 

Indessen ganz insonderheit

Ist er voll Scherz und Lustbarkeit.

 

 

Schau, schau! Da schlupft und hupft im Grün

Ein Frosch herum! – Gleich hat er ihn!

 

 

Und setzt ihn heimlich nackt und bloß

In Nolten seine Tabaksdos'.

 

 

Wie nun der sanfte Onkel Nolte

 

Sich eine Prise schöpfen wollte –

 

 

Hucks da! Mit einem Satze saß

Der Frosch an Nolten seiner Nas'.

 

 

Platsch! springt er in die Tasse gar,

Worin noch schöner Kaffee war.

 

 

Schlupp! sitzt er in der Butterbemme

Ein kleines Weilchen in der Klemme.

 

 

Putsch!! – Ach, der Todesschreck ist groß!

Er hupft in Tante ihren Schoß.

 

 

Der Onkel ruft und zieht die Schelle:

»He, Hannchen, Hannchen, komme schnelle!«

 

 

Und Hannchen ohne Furcht und Bangen

Entfernt das Scheusal mit der Zangen.

 

 

Nun kehrt die Tante auch zum Glück

Ins selbstbewußte Sein zurück.

 

Wie hat Helene da gelacht,

Als Vetter Franz den Scherz gemacht!

 

 

Eins aber war von ihm nicht schön:

Man sah ihn oft bei Hannchen stehn!

Doch jeder Jüngling hat wohl mal

'n Hang fürs Küchenpersonal,

Und sündhaft ist der Mensch im ganzen!

Wie betet Lenchen da für Franzen!!

Nur einer war, der heimlich grollte:

Das ist der ahnungsvolle Nolte.

Natürlich tut er dieses bloß

In Anbetracht der Tabaksdos'.

Er war auch wirklich voller Freud,

Als nun vorbei die Ferienzeit

Und Franz mit Schrecken wiederum

Zurück muß aufs Gymnasium.

Die fromme Helene

Fünftes Kapitel

 

»Und wenn er sich auch ärgern sollte,

Was schert mich dieser Onkel Nolte!«

 

So denkte Helene leider Gotts!

Und schreibt dem Onkel grad zum Trotz:

 

 

»Geliebter Franz!

Du weißt es ja, dein bin ich ganz!

 

 

Wie reizend schön war doch die Zeit,

Wie himmlisch war das Herz erfreut,

 

 

Als in den Schnabelbohnen drin

Der Jemand eine Jemandin,

 

 

Ich darf wohl sagen: herzlich küßte. –

Ach Gott, wenn das die Tante wüßte!

 

Und ach! wie ist es hierzuland

Doch jetzt so schrecklich anigant!

 

 

Der Onkel ist, gottlob! recht dumm,

 

 

Die Tante nöckert so herum,

Und beide sind so furchtbar fromm;

Wenn's irgend möglich, Franz, so komm

Und trockne meiner Sehnsucht Träne!

10000 Küsse von Helene.«

 

 

Jetzt Siegellack! – Doch weh! Alsbald

 

 

Ruft Onkel Nolte donnernd: halt!

 

 

Und an Helenens Nase stracks

Klebt das erhitzte Siegelwachs.

Die fromme Helene

Sechstes Kapitel

 

In der Kammer, still und donkel,

Schläft die Tante bei dem Onkel.

 

 

Mit der Angelschnur versehen

Naht sich Lenchen auf den Zehen.

 

 

Zupp! – Schon lüftet sich die Decke

Zu des Onkels großem Schrecke.

 

 

Zupp! – Jetzt spürt die Tante auch

An dem Fuß den kalten Hauch.

 

 

»Nolte!« – ruft sie – »Lasse das,

Denn das ist ein dummer Spaß!«

 

 

Und mit Murren und Gebrumm

Kehrt man beiderseits sich um.

 

 

Schnupp! – Da liegt man gänzlich bloß

Und die Zornigkeit wird groß;

 

 

Und der Schlüsselbund erklirrt,

Bis der Onkel flüchtig wird.

 

 

Autsch! Wie tut der Fuß so weh!

An der Angel sitzt die Zeh.

 

 

Lene hört nicht auf zu zupfen,

Onkel Nolte, der muß hupfen.

 

 

Lene hält die Türe zu.

Oh, du böse Lene du!

 

 

Stille wird es nach und nach,

Friede herrscht im Schlafgemach.

 

Am Morgen aber ward es klar,

Was nachts im Rat beschlossen war.

Kalt, ernst und dumpf sprach Onkel Nolte:

»Helene, was ich sagen wollte: –«

 

 

»Ach!« – rief sie – »Ach! Ich will es nun

Auch ganz gewiß nicht wieder tun!«

 

 

»Es ist zu spät! – Drum stantepeh

Pack deine Sachen! – So! – Ade!«

Die fromme Helene

Siebtes Kapitel

Ratsam ist und bleibt es immer

Für ein junges Frauenzimmer,

Einen Mann sich zu erwählen

Und womöglich zu vermählen.

Erstens: will es so der Brauch.

Zweitens: will mans selber auch.

Drittens: man bedarf der Leitung

Und der männlichen Begleitung;

Weil bekanntlich manche Sachen,

Welche große Freude machen,

Mädchen nicht allein verstehn;

Als da ist: ins Wirtshaus gehn. –

 

Freilich oft, wenn man auch möchte,

Findet sich nicht gleich der Rechte;

Und derweil man so allein,

Sucht man sonst sich zu zerstreun.

 

Lene hat zu diesem Zwecke

Zwei Kanari in der Hecke,

 

 

Welche Niep und Piep genannt.

Zierlich fraßen aus der Hand

Diese goldignetten Mätzchen;

 

 

Aber Mienzi hieß das Kätzchen.

 

 

Einstens kam auch auf Besuch

Kater Munzel, frech und klug.

 

Alsobald so ist man einig. –

Festentschlossen, still und schleunig

 

 

Ziehen sie voll Mörderdrang

Niep und Piep die Hälse lang.

Drauf so schreiten sie ganz heiter

Zu dem Kaffeetische weiter. –

Mienzi mit dem sanften Tätzchen

Nimmt die guten Zuckerplätzchen.

 

 

Aber Munzels dicker Kopf

Quält sich in den Sahnetopf.

 

Grad kommt Lene, welche drüben

Eben einen Brief geschrieben,

Mit dem Licht und Siegellack

Und bemerkt das Lumpenpack.

 

 

Mienzi kann noch schnell enteilen,

Aber Munzel muß verweilen,

 

 

Denn es sitzt an Munzels Kopf

Festgeschmiegt der Sahnetopf.

 

 

Blindlings stürzt er sich zur Erd'.

Klacks! – Der Topf ist nichts mehr wert.

 

 

Aufs Büfett geht es jetzunder;

Flaschen, Gläser – alles runter!

 

 

Sehr in Ängsten sieht man ihn

Aufwärts sausen am Kamin.

 

 

Ach, – Die Venus ist perdü –

Klickeradoms! – von Medici!

 

 

Weh! Mit einem Satze ist er

Vom Kamine an dem Lüster;

 

 

Und da geht es Klingelingelings!

Unten liegt das teure Dings.

 

 

Schnell sucht Munzel zu entrinnen,

Doch er kann nicht mehr von hinnen. –

 

 

Wehe, Munzel! – Lene kriegt

Tute, Siegellack und Licht.

 

 

Allererst tut man die Tute

An des Schweifs behaarte Rute;

 

 

Dann das Lack, nachdem's erhitzt,

Auf die Tute, bis sie sitzt.

 

 

Drauf hält man das Licht daran,

Daß die Tute brennen kann.

 

 

Jetzt läßt man den Munzel los –

Mau! – Wie ist die Hitze groß!

Die fromme Helene

Achtes Kapitel

Wenn's einer davon haben kann,

So bleibt er gerne dann und wann

Des Morgens, wenn das Wetter kühle,

Noch etwas liegen auf dem Pfühle

Und denkt sich so in seinem Sinn:

Na, dämmre noch 'n bissel hin!

Und denkt so hin und denkt so her,

Wie dies wohl wär, wenn das nicht wär. –

Und schließlich wird es ihm zu dumm. –

Er wendet sich nach vorne um,

Kreucht von der warmen Lagerstätte

Und geht an seine Toilette.

 

 

Die Propertät ist sehr zu schätzen,

Doch kann sie manches nicht ersetzen.

Der Mensch wird schließlich mangelhaft.

 

 

Die Locke wird hinweggerafft. –

 

 

 

Mehr ist hier schon die Kunst zu loben,

Denn Schönheit wird durch Kunst gehoben. –

Allein auch dieses, auf die Dauer,

Fällt doch dem Menschen schließlich sauer. –

 

 

»Es sei!« – sprach Lene heute früh –

»Ich nehme Schmöck und Kompanie!«

 

 

G. J. C. Schmöck, schon längst bereit,

Ist dieserhalb gar hoch erfreut.

Und als der Frühling kam ins Land,

Ward Lene Madam Schmöck genannt.

Die fromme Helene

Neuntes Kapitel

 

's war Heidelberg, das sich erwählten

Als Freudenort die Neuvermählten. –

 

Wie lieblich wandelt man zu zwei'n

Das Schloß hinauf im Sonnenschein.

 

 

 

»Ach, sieh nur mal, geliebter Schorsch,

Hier diese Trümmer alt und morsch!«

 

»Ja!« – sprach er – »Aber diese Hitze!

Und fühle nur mal, wie ich schwitze!«

 

 

Ruinen machen vielen Spaß. –

 

 

 

 

Auch sieht man gern das große Faß.

Und – alle Ehrfurcht! – muß ich sagen.

Alsbald, so sitzt man froh im Wagen

Und sieht das Panorama schnelle

Vorüberziehn bis zum Hotelle;

 

 

Denn Spargel, Schinken, Koteletts

Sind doch mitunter auch was Netts.

 

 

»Pist! Kellner! Stell'n Sie eine kalt!

Und, Kellner! aber möglichst bald!«

 

 

Der Kellner hört des Fremden Wort.

Es saust der Frack. Schon eilt er fort.

 

 

Wie lieb und luftig perlt die Blase

Der Witwe Klicko in dem Glase. –

 

 

Gelobt seist du vieltausendmal!

Helene blättert im Journal.

 

 

»Pist! Kellner! Noch einmal so eine!« –

– Helenen ihre Uhr ist neune. –

 

 

Der Kellner hört des Fremden Wort.

Es saust der Frack. Schon eilt er fort.

 

Wie lieb und luftig perlt die Blase

Der Witwe Klicko in dem Glase.

 

 

»Pist! Kellner! Noch so was von den!« –

– Helenen ihre Uhr ist zehn. –

 

 

Schon eilt der Kellner emsig fort. –

Helene spricht ein ernstes Wort. –

 

 

Der Kellner leuchtet auf der Stiegen.

Der fremde Herr ist voll Vergnügen.

 

 

 

Pitsch! – Siehe da! Er löscht das Licht.

 

Plumps! liegt er da und rührt sich nicht.

Die fromme Helene

Zehntes Kapitel

Viele Madams, die ohne Sorgen,

In Sicherheit und wohlgeborgen,

Die denken: Pah! Es hat noch Zeit! –

Und bleiben ohne Frömmigkeit. –

Wie lobenswert ist da Helene!

Helene denkt nicht so wie jene. –

Nein, nein! Sie wandelt oft und gerne

Zur Kirche hin, obschon sie ferne.

 

 

Und Jean, mit demutsvollem Blick,

Drei Schritte hinterwärts zurück,

Das Buch der Lieder in der Hand,

Folgt seiner Herrin unverwandt.

Doch ist Helene nicht allein

Nur auf sich selbst bedacht. – O nein! –

 

Ein guter Mensch gibt gerne acht,

Ob auch der andre was Böses macht;

Und strebt durch häufige Belehrung

Nach seiner Bess'rung und Bekehrung.

 

 

»Schang!« – sprach sie einstens – »Deine Taschen

Sind oft so dick! Schang! Tust du naschen?

 

 

Ja, siehst du wohl! Ich dacht es gleich!

O Schang! Denk an das Himmelreich!«

 

 

Dies Wort drang ihm in die Natur,

So daß er schleunigst Bess'rung schwur.

Doch nicht durch Worte nur allein

Soll man den andern nützlich sein. –

Helene strickt die guten Jacken,

Die so erquicklich für den Nacken;

Denn draußen wehen rauhe Winde. –

Sie fertigt auch die warme Binde;

Denn diese ist für kalte Mägen

Zur Winterszeit ein wahrer Segen. –

Sie pflegt mit herzlichem Pläsier

Sogar den fränk'schen Offizier,

Der noch mit mehren dieses Jahr

Im Deutschen Reiche seßhaft war. –

 

Besonders aber tat ihr leid

Der armen Leute Bedürftigkeit. –

Und da der Arzt mit Ernst geraten,

Den Leib in warmem Wein zu baden,

 

 

 

So tut sie's auch.

Oh, wie erfreut

Ist nun die Schar der armen Leut',

Die, sich recht innerlich zu laben,

Doch auch mal etwas Warmes haben.

Die fromme Helene

Elftes Kapitel

Viel Freude macht, wie männiglich bekannt,

Für Mann und Weib der heilige Ehestand!

Und lieblich ist es für den Frommen,

Der die Genehmigung dazu bekommen,

Wenn er sodann nach der üblichen Frist

Glücklicher Vater und Mutter ist. –

Doch manchmal ärgert man sich bloß,

Denn die Ehe bleibt kinderlos. –

Dieses erfuhr nach einiger Zeit

Helene mit großer Traurigkeit. –

Nun wohnte allda ein frommer Mann,

Bei St. Peter dicht nebenan,

Von Frau'n und Jungfrau'n weit und breit

Hochgepriesen ob seiner Gelehrsamkeit. –

(Jetzt war er freilich schon etwas kränklich.)

O meine Tochter! – sprach er bedenklich –

Dieses ist ein schwierig' Kapitel;

Da helfen allein die geistlichen Mittel!

Drum, meine Beste, ist dies mein Rat:

Schreite hinauf den steilen Pfad

Und folge der seligen Pilgerspur

Gen Chosemont de bon secours,

Denn dorten, berühmt seit alter Zeit,

Stehet die Wiege der Fruchtbarkeit.

Und wer allda sich hinverfügt,

Und wer allda die Wiege gewiegt,

Der spürete bald nach selbigter Fahrt,

Daß die Geschichte anders ward.

Solches hat noch vor etzlichen Jahren

Leider Gotts! eine fromme Jungfer erfahren,

Welche, indem sie bis dato in diesen

Dingen nicht sattsam unterwiesen,

Aus Unbedacht und kindlichem Vergnügen

Die Wiege hat angefangen zu wiegen. –

Und ob sie schon nur ein wenig gewiegt,

Hat sie dennoch ein ganz kleines Kind gekriegt. –

Auch kam da ein frecher Pilgersmann,

Der rühret aus Vorwitz die Wiegen an.

Darauf nach etwa etzlichen Wochen,

Nachdem er dieses verübt und verbrochen,

Und – – Doch, meine Liebe, genug für heute!

Ich höre, daß es zur Metten läute.

Addio! Und Trost sei Dir beschieden!

Zeuge hin in Frieden!

Die fromme Helene

Zwölftes Kapitel

Hoch von gnadenreicher Stelle

Winkt die Schenke und Kapelle. –

Aus dem Tale zu der Höhe,

In dem seligen Gedränge

Andachtsvoller Christenmenge

Fühlt man froh des andern Nähe;

Denn hervor aus Herz und Munde,

Aus der Seele tiefstem Grunde

Haucht sich warm und innig an

Pilgerin und Pilgersmann. –

Hier vor allen, schuhbestaubt,

Warm ums Herze, warm ums Haupt,

Oft erprobt in ernster Kraft,

Schreitet die Erzgebruderschaft. –

Itzo kommt die Jungferngilde,

Auf den Lippen Harmonie,

In dem Busen Engelsmilde,

In der Hand das Paraplü. –

O wie lieblich tönt der Chor! –

Bruder Jochen betet vor. –

Aber dort im Sonnenscheine

Geht Helene traurig-heiter,

Sozusagen, ganz alleine,

Denn ihr einziger Begleiter,

Stillverklärt im Sonnenglanz,

Ist der gute Vetter Franz,

Den seit kurzem die Bekannten

Nur den »heil'gen« Franz benannten. –

 

 

Traulich wallen sie zu zweit

Als zwei fromme Pilgersleut.

 

Gott sei Dank, jetzt ist man oben!

Und mit Preisen und mit Loben

Und mit Eifer und Bedacht

Wird das Nötige vollbracht.

 

Freudig eilt man nun zur Schenke,

Freudig greift man zum Getränke,

Welches schon seit langer Zeit

 

In des Klosters Einsamkeit

Ernstbesonnen, stillvertraut,

Bruder Jakob öfters braut.

 

 

Hierbei schau'n sich innig an

Pilgerin und Pilgersmann

Endlich nach des Tages Schwüle

Naht die sanfte Abendkühle.

In dem gold'nen Mondenscheine

Geht Helene froh und heiter,

Sozusagen, ganz alleine,

Denn ihr einziger Begleiter,

Stillverklärt im Mondesglanz,

Ist der heil'ge Vetter Franz.

Traulich zieh'n sie heim zu zweit

Als zwei gute Pilgersleut. –

Doch die Erzgebruderschaft

Nebst den Jungfern tugendhaft,

Die sich etwas sehr verspätet,

 

Kommen jetzt erst angebetet.

O wie lieblich tönt der Chor!

Bruder Jochen betet vor.

 

Schau, da kommt von ungefähr

Eine Droschke noch daher. –

 

 

Er, der diese Droschke fuhr,

Frech und ruchlos von Natur,

Heimlich denkend: papperlapp!

Tuet seinen Hut nicht ab. –

Weh! Schon schau'n ihn grollend an

Pilgerin und Pilgersmann. –

Zwar der Kutscher sucht mit Klappen

Anzuspornen seinen Rappen,

Aber Jochen schiebt die lange

Jungfernbundesfahnenstange

Durch die Hinterräder quer –

 

 

Schrupp! – und 's Fuhrwerk geht nicht mehr. –

 

 

Bei den Beinen, bei dem Rocke

Zieht man ihn von seinem Bocke.

 

 

Jungfer Nanni mit der Krücke

Stößt ihn häufig ins Genicke.

Aber Jungfer Adelheid

Treibt die Sache gar zu weit,

 

 

Denn sie sticht in Kampfeshitze

Mit des Schirmes scharfer Spitze,

Und vor Schaden schützt ihn bloß

Seine warme Lederhos'. –

 

 

Drauf so schau'n sich fröhlich an

Pilgerin und Pilgersmann. –

Fern verklingt der Jungfernchor,

Bruder Jochen betet vor. –

Doch der böse Kutscher, dem

 

 

Alles dieses nicht genehm,

Meldet eilig die Geschichte

Bei dem hohen Stadtgerichte.

Dieses ladet baldigst vor

Jochen und den Jungfernchor.

 

Und das Urteil wird gesprochen:

Bruder Jochen kriegt drei Wochen,

Aber Jungf- und Bruderschaften

Sollen für die Kosten haften. –

 

 

Ach! da schau'n sich traurig an

Pilgerin und Pilgersmann.

Die fromme Helene

Dreizehntes Kapitel

 

Wo kriegten wir die Kinder her,

Wenn Meister Klapperstorch nicht wär?

 

 

Er war's, der Schmöcks in letzter Nacht

Ein kleines Zwillingspaar gebracht.

Der Vetter Franz, mit mildem Blick,

Hub an und sprach: »O welches Glück!

Welch' kleine, freundliche Kollegen!

Das ist fürwahr zwiefacher Segen!

 

 

Drum töne zwiefach Preis und Ehr!

Herr Schmöck, ich gratuliere sehr!«

 

 

Bald drauf um zwölf kommt Schmöck herunter,

So recht vergnügt und frisch und munter.

 

 

Und emsig setzt er sich zu Tische,

Denn heute gibt's Salat und Fische.

 

 

Autsch! – Eine Gräte kommt verquer,

Und Schmöck wird blau und hustet sehr;

 

 

Und hustet, bis ihm der Salat

Aus beiden Ohren fliegen tat.

 

 

Bums! Da! Er schließt den Lebenslauf.

Der Jean fängt schnell die Flasche auf.

 

 

»Oh!« – sprach der Jean – »Es ist ein Graus!

Wie schnell ist doch das Leben aus!«

Die fromme Helene

Vierzehntes Kapitel

 

»O Franz!« – spricht Lene – und sie weint –

»O Franz! Du bist mein einz'ger Freund!«

 

»Ja!« – schwört der Franz mit mildem Hauch –

»Ich war's, ich bin's und bleib es auch!

 

 

Nun gute Nacht! Schon tönt es zehn!

Will's Gott! Auf baldig Wiedersehn!«

 

 

Die Stiegen steigt er sanft hinunter. –

Schau, schau! Die Kathi ist noch munter.

 

 

Das freut den Franz. – Er hat nun mal

'n Hang fürs Küchenpersonal.

 

 

Der Jean, der heimlich näher schlich,

Bemerkt die Sache zorniglich.

 

 

Von großer Eifersucht erfüllt,

Hebt er die Flasche rasch und wild.

 

 

Und – Kracks! – Es dringt der scharfe Schlag

Bis tief in das Gedankenfach.

 

 

's ist aus! – Der Lebensfaden bricht. –

Helene naht. – Es fällt das Licht. –

Die fromme Helene

Fünfzehntes Kapitel

Ach, wie ist der Mensch so sündig! –

Lene, Lene! Gehe in dich! –

 

Und sie eilet tieferschüttert

Zu dem Schranke schmerzdurchzittert.

 

 

Fort! Ihr falschgesinnten Zöpfe,

Schminke und Pomadetöpfe!

 

 

Fort! Du Apparat der Lüste,

Hochgewölbtes Herzgerüste!

 

 

Fort vor allem mit dem Übel

Dieser Lust- und Sündenstiebel!

 

 

Trödelkram der Eitelkeit,

Fort, und sei der Glut geweiht!!

 

 

Oh, wie lieblich sind die Schuhe

Demutsvoller Seelenruhe!! –

 

 

Sieh, da geht Helene hin,

Eine schlanke Büßerin!

Die fromme Helene

Sechzehntes Kapitel

Es ist ein Brauch von alters her:

Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

 

 

»Nein!« – ruft Helene – »Aber nun

Will ich's auch ganz – und ganz – und ganz –

und ganz gewiß nicht wieder tun!«

 

 

Sie kniet von ferne fromm und frisch.

Die Flasche stehet auf dem Tisch.

 

 

Es läßt sich knien auch ohne Pult.

Die Flasche wartet mit Geduld.

 

 

Man liest nicht gerne weit vom Licht.

Die Flasche glänzt und rührt sich nicht.

 

 

Oft liest man mehr als wie genug.

Die Flasche ist kein Liederbuch.

 

 

Gefährlich ist des Freundes Nähe.

O Lene, Lene! Wehe, Wehe!

 

 

O sieh! – Im sel'gen Nachtgewande

Erscheint die jüngstverstorb'ne Tante.

 

 

Mit geisterhaftem Schmerzgetöne –

»Helene!« – ruft sie – »Oh, Helene!!!«

 

 

Umsonst! – Es fällt die Lampe um,

Gefüllt mit dem Petroleum.

 

 

Und hilflos und mit Angstgewimmer

Verkohlt dies fromme Frauenzimmer.

 

 

Hier sieht man ihre Trümmer rauchen.

Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen

Die fromme Helene

Siebzehntes Kapitel

 

Hu! draußen welch ein schrecklich Grausen!

Blitz, Donner, Nacht und Sturmesbrausen! –

 

 

Schon wartet an des Hauses Schlote

Der Unterwelt geschwänzter Bote.

 

 

Zwar Lenens guter Genius

Bekämpft den Geist der Finsternus.

 

 

Doch dieser kehrt sich um und packt

Ihn mit der Gabel zwiegezackt.

 

 

O weh, o weh! der Gute fällt!

Es siegt der Geist der Unterwelt.

 

 

Er faßt die arme Seele schnelle

Und fährt mit ihr zum Schlund der Hölle.

 

 

Hinein mit ihr! – Huhu! Haha!

Der heil'ge Franz ist auch schon da.

 

Die fromme Helene

Schluß

 

Als Onkel Nolte dies vernommen,

War ihm sein Herze sehr beklommen.

 

 

Doch als er nun genug geklagt:

»Oh!« – sprach er – »Ich hab's gleich gesagt!«

 

 

»Das Gute – dieser Satz steht fest –

Ist stets das Böse, was man läßt!«

 

 

»Ei ja! – da bin ich wirklich froh!

Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!«

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